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Interview, oder Simone Jansons Überallbüro

2 August 2010

©Anja Müller emanya-photography.com

Im heutigen Interview gewährt Journalistin, Buchautorin und Bloggerin Simone Janson einen Einblick in ihre Arbeitsweise und ihr Überallbüro. Sie geht dabei auf die Umstellung ins Überallbüro und die damit verbundenen Änderungen ihres (Arbeits-)lebens ein. Detailliert beschreibt sie, welche technischen Lösungen sie für ihre neue Arbeitsweise einsetzt. Zum Schluss gibt sie noch eine Rat, wie man selbst freier und selbstständiger arbeiten kann.

Simone Jansons inhaltliche Themenschwerpunkte sind Beruf und Bildung. Seit 1996 arbeite sie im In- und Ausland als Journalistin, seit 2003 als Buchautorin. Zeitweise war sie feste Redakteurin zweier Zeitschriften der Bundesagentur für Arbeit.

Das Interview

Der Job, oder was ist Dein Tätigkeitsbereich?

Ich bin seit 7 Jahre freie Journalistin mit Schwerpunkt Karriere & Bildung. Das heißt ich recherchiere, interviewe, lese, schreibe und zwar für diverse Medien wie RP-ONLINE oder ZEIT-ONLINE. Außerdem habe ich 10 Bücher geschrieben, zum Großteil über Zeitmanagement und Existenzgründung  – also Themen aus meiner Erfahrung als Selbständige.

Einen immer größer werdenden Teil meiner Zeit wende ich allerdings für meinen Karriereblog auf. Hierbei kommt zu der journalistischen Tätigkeit auch die Arbeit als „Webdesignerin“ hinzu, die technisch viel aufwändiger ist: Denn mein Blog soll gut aussehen, benutzerfreundlich sein und technisch einwandfrei funktionieren. Dafür sind ständige Anpassungen notwendig. Momentan experimentiere ich außerdem mit dem Fotografieren für den Blog herum, vielleicht kommen demnächst auch Videos hinzu.

Schließlich gibt es noch die ganzen Nebenaufgaben, die leider auch viel Zeit kosten: Bürokratie und Buchhaltung, Kommunikation mit Kunden und Lesern, sowie Eigen-PR. Darunter fasse ich z.B. Interviews (für diesen Blog und andere Medien), aber auch meine Social Media Aktivitäten bei Twitter und Facebook. Was ich aber zum Glück kaum noch machen muss: Akquise. Meine Auftraggeber finden mich entweder über das Internet oder mein Netzwerk. Somit bleibt mehr Zeit für die eigentliche Arbeit.

Der Alltag, oder wie sieht Dein normaler Arbeitstag aus?

Meist schreibe ich noch vor dem Frühstück den ersten Artikel – ich habe meine besten Ideen morgens. Und natürlich werfe dabei auch einen Blick auf Blog, E-Mails, Twitter, Facebook und Co. Auch wenn viele Leute das anders sehen, könnte das vermutlich auch warten, aber ich bin einfach neugierig.

Wenn ich „Pech“ habe, ist gerade eine Anfrage reingekommen, irgendetwas spannendes passiert oder ich muss mal schnell etwas technisches erledigen… und das dauert dann manchmal bis nachmittags. Mein Problem ist, dass mir die Arbeit manchmal solchen Spaß macht, dass ich komplett die Zeit und mit ihr gleich das Pausemachen vergessen kann. Flow nennt man das wohl. Gesund ist das nicht! Umgekehrt lasse ich an manchen Tagen den Computer (und das Telefon) bewusst aus, um zu entspannen oder andere Dinge zu machen. Ich versuche schon seit geraumer Zeit, einen geregelten Rhythmus in meine Arbeit zu bekommen, aber tatsächlich kommt es eher vor, dass ich tagelang durcharbeite und dann gar nichts mache.

Ich bin allerdings gerade dabei, den technischen und administrativen Aufwand, der eine Zeit lang überhand genommen hatte, wieder zurückzufahren: In Zukunft möchte ich wieder mehr typisch journalistisch unterwegs sein, Geschichten schreiben, Fotos machen – Berlin bietet da einiges an Material!

Das Überallbüro, oder wie unterscheidet sich Dein Arbeitstag von früheren festen Büros?

Na zum Beispiel darin, dass solch unregelmäßige Arbeitszeiten da nicht möglich waren. Oder darin, dass ich gerade im Charlottenburger Schlosspark sitze und diese Fragen beantworte. Auch darin, dass ich morgens eben gleich anfangen kann mit der Arbeit und nicht erst ins Büro fahren oder ineffektiv in irgendwelchen Meetings herumhängen muss. Und schließlich darin, dass einen kein Chef böse anknurrt, wenn man zwischendurch mal zu irgendwelchen Ämtern muss, die ja bekanntlich auch nur während normaler Arbeitszeiten aufhaben.

Aber mal im Ernst: So groß sind die Unterschiede was die Arbeitszeiten angeht nicht. Auch wenn ich mir das anfangs anders vorgestellt habe, bin ich im Laufe der Zeit doch verstärkt dazu übergegangen, zu normalen Bürozeiten zu arbeiten. Einfach weil man die meisten Leute, mit denen man zu tun hat, dann erreicht oder selbst kontaktiert wird.

Die Technik, oder welche Hardware und Software setzt Du ein?

Fürs mobile Arbeiten benutze ich das Nokia-Netbook 3G und derzeit ein Samsung Galaxy S7500. Über beide Geräte habe ich auf meinem Blog ausführliche, mehrteilige Testberichte verfasst. Das Handy wird vermutlich in absehbarer Zeit ein anderes werden.

Im Büro habe ich gerade von einem 4 Jahre alten HP-Notebook (nx6325) wieder auf einen Desktop PC (wieder von HP) mit 22 Zoll-Monitor von Asus umgestellt. Grund: Für die Arbeit an der Website, Bild und eventuell später Video brauche ich einen leistungsfähigen Rechner und einen großen Monitor. Für unterwegs war mir das 15-Zoll-Notebook hingegen immer zu schwer, ich hatte es so gut wie nie dabei (was auch daran liegt, dass ich kein Auto habe, sondern mit Rad, ÖPNV und sehr viel zu Fuß unterwegs bin). Das Netbook passt hingegen in die Handtasche.

Für Office-Anwendungen, zum Schreiben von einzelnen Texten, E-Mails usw. ist das Netbook gut. Für umfangreichere Texte (z.B. bei Büchern), Arbeiten an der Website oder Bildbearbeitung ist mir das Display des Netbooks allerdings zu klein und der Rechner zu leistungsschwach. Insofern ist mein Überallbüro ein wenig begrenzt. Allerdings habe ich festgestellt, dass ich Aufgaben, bei denen ich mich stark konzentrieren muss oder die unbedingt fertig werden müssen, besser im Büro mache: Da brauche ich einen ergonomischen Arbeitsplatz.

Als Software auf dem Desktop nutze ich Ubuntu-Linux 10.04 (kostenlose und sehr anwenderfreundliche Linux-Distribution, Anm. d. Red.). Auf dem Notebook vorher war 8.04. Eingestiegen bin ich in Ubuntu 6.0 – damals noch aus Kostengründen. Zu der Zeit war Ubuntu noch deutlich mehr Frickelei. Dadurch habe ich mich aber daran gewöhnt und finde mittlerweile Ubuntu viel besser als Windows: Sicherer, schneller, Software kann man bequem über die Paketquellen nachinstallieren und deinstallieren, ohne dass das Betriebssystem instabil wird. Der größte Vorteil ergibt sich allerdings in der übersichtlicheren Dateiverwaltung und beim Brennen (Windows akzeptiert ja bekanntlich nicht jeden Dateinamen und tiefere Verzeichnisse) sowie bei der Sicherung von Daten. Vermutlich auch alles einfach eine Frage der Gewohnheit.

Außerdem hat sich 10.04 praktisch von alleine installiert und die notwendigen Programme bis hin zur Social-Media-Integration in den Desktop waren auch schon dabei. Auch mein Drucker und mein Scanner waren schnell ans Laufen gebracht (wobei man aber sagen muss, dass Brother als eine der wenigen Firmen Linux-Treiber zur Verfügung stellt). Dazu kommt die Unterstützung einer großen Community, die zu quasi zu jedem Problem eine googelbare Lösung bietet. Nur bei der elektronischen Steuererklärung muss das Finanzamt jetzt noch nachziehen…

Auf dem Netbook läuft Windows 7 in der abgespeckten Starter-Edition, von der man nicht viel erwarten darf. Was mich nervt, ist das ständige aufpoppen irgendwelcher Update-Fenster und die Aktualisierung der Virensoftware. Ich muss aber zugeben, dass ich mich gar nicht mehr groß mit Windows beschäftigen mag. Wenn ich noch herausfinde, wie ich Ubuntu vom USB-Stick installiere, werde ich vielleicht auch mal die Netbookversion ausprobieren, die ja im Gegensatz zu Windows auch an den Gebrauch kleiner Bildschirme angepasst sein soll.

Auf beiden Rechnern läuft Thunderbird für E-Mails, Firefox und OpenOffice (kostenloses Office-Paket vergleichbar mit Microsoft Office, Anm. d. Red.). Einige Formatierungsprobleme zwischen OpenOffice und MS-Office sind leider noch nicht ganz beseitigt, aber auch da hat sich viel getan.

Meine Kontakte gleiche ich zwischen Thunderbird und Google mit Zindus (kostenlose Synchronisations-SoftwareAnm. d. Red.) ab, die Termine werden in den Google-Kalender übernommen. Von da gelangen alle Daten automatisch auf mein Android-Handy. Übrigens war das der letzte Schritt, der Windows praktisch überflüssig machte: Die Daten überspiele ich jetzt via FTP (mit Swift-FTP wird das Handy zwischendurch zum Server) und muss den PC gar nicht mehr mit dem Handy verbinden, was mit Ubuntu nicht so einfach ist.

Die beiden Computer gleiche ich mit einer externen Festplatte ab, die auch zur Datensicherung dient. Hilfe bringt da das Programm Synkron, das sowohl auf Ubuntu wie auch Windows funktioniert. Mit Cloud-Computing konnte ich mich bislang nicht anfreunden, schon wegen der Masse an Daten, die ich synchronisieren muss. Denn erfahrungsgemäß ist es nicht praktikabel, nur Teilbereiche meiner Daten abzugleichen. Und Fotos mit hoher Auflösung sind nunmal sehr groß… Allerdings bietet Ubuntu da jetzt einen Direkt-Zugang zu Ubunt-One… mal sehen… Ebenfalls wichtig: Eine Passwortverwaltung für all die vielen Internet-Passwörter, die auf allen Systemen, auch auf Android läuft. Ich nutze da Keepass.

Generell achte ich bei der Benutzung mehrerer Rechner darauf, dass ich möglichst die gleichen Programme und die gleiche Anordnung nutzte, sonst komme ich komplett durcheinander.

Die Work-Life-Balance, oder wie hat sich Dein Leben durch die Arbeitsumstellung verändert?

Vor allem dahingehend, dass ich mehr Spaß an der Arbeit habe. Das liegt daran, dass ich mir im Prinzip die Zeit frei einteilen kann. Auch wenn ich dann oft sogar mehr arbeite als früher, ist dieses Gefühl der Selbstbestimmung doch sehr wichtig. Ein anderer Punkt ist, dass ich mir aussuchen kann, woran ich inhaltlich arbeite und für wen. Das ist allerdings per se kein Vorteil der Selbständigkeit: Ich kenne viele Freiberufler, die sehr viel enger in die Arbeitsabläufe ihrer Auftraggeber eingebunden sind (und darüber auch gerne klagen). Umgekehrt gibt es auch Angestellte, die sich einige Freiheiten herausnehmen können.

Dein Rat, oder was empfiehlst Du anderen, die noch nicht im Überallbüro arbeiten?

Naja, in den USA gibt es ja schon Firmen, die es ihren Mitarbeitern gestatten, zu arbeiten, wann und wo sie wollen,  Hauptsache die Arbeit ist hinterher fertig. In Deutschland wird es vermutlich noch eine Weile dauern, bis sich diese Sichtweise durchsetzt, weil das Bedürfnis nach Kontrolle in Unternehmen nach wie vor groß ist. Man kann das Thema aber durchaus mal bei seinem Chef anklingen lassen, weil ja der Vertrauensvorschuss oft auch die Eigenverantwortung und die Produktivität des Mitarbeiters fördert.

Für Mitarbeiter, die so arbeiten, kann das aber auch Nachteile haben: Es besteht die Gefahr der Selbstausbeutung, z.B. weil man alles besonders gut machen will oder weil man viel mehr Aufgaben in einen Zeitraum hineinpackt, als man bewältigen kann. Ich habe das zu Beginn meiner Selbständigkeit auch gemerkt und aus dieser Erfahrung heraus mein Buch „Die 110%-Lüge. Wie Sie mit weniger Perfektion mehr erreichen“ geschrieben.

Ich habe mir dann mit der Zeit klar gemacht, was ich wollte – nämlich mehr Freiheit und Unabhängigkeit – und gezielt darauf hingearbeitet, z.B. indem ich einige Aufträge oder Jobangebote, die vielleicht sogar etwas mehr Geld gebracht, aber mich mehr eingeschränkt oder langfristig nichts gebracht hätten, abgelehnt habe. Das kostet anfangs natürlich Überwindung und sicher habe ich dadurch auch so manchen (schlechten) Kunden verloren, aber hatte dann mehr Zeit für wirklich gute Aufträge.

Insofern ist mein Rat: Wissen was man will, das im Auge behalten und sich nicht durch Unsicherheiten aus der Ruhe bringen lassen.

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