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Interview, oder Franz Hoffmanns Überallbüro in Afrika

1 Oktober 2010 Ein Kommentar

Dieses Mal im Interview beschreibt Franz Hoffmann sein Überallbüro in Bamako, Mali, West Afrika. Franz hat die Loslösung von einem festen Arbeitsplatz vollständig erreicht, denn seine Kollegen arbeiten in Deutschland und seine Kunden sind weltweit verteilt. Er zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie man mit den richtigen Werkzeugen und dem passenden System überall und jederzeit arbeiten kann und dadruch an einem wunderschönen Ort sein Leben genießen kann. Insbesondere die Loslösung vom normalen Arbeitstrott hat Franz eine ganz neue Perspektive und mehr Zeit für sich und seine Leben gegeben.

Franz Hoffmann ist Produktdesigner und Geschäftsführer von Leschi www.leschi.de. Gemeinsam mit seinen Mitarbeiten und Partnern liefert er Wärme-, Nacken- und Kuschelkissen sowie andere Wohlfühlaccessoires in weltweit 30 Länder. Zusätzlich zu seiner Arbeit studiert Franz erfolgreich BWL an der Fernuniversität Hagen und ist somit für Prüfungen des öfteren Gast der Deutschen Botschaft in Bamako.

Das Interview

Der Job, oder was ist Dein Tätigkeitsbereich?

Als Produktdesigner und Geschäftsführer meines eigenen Labels bin ich mit drei Kernbereichen beschäftigt, Design sowie Produktentwicklung, Key-Account-Management und Führung. Unser Sortiment besteht aus freundlichen, kuscheligen Produkten, die rund ums Sofa verwendet werden, der Schwerpunkt liegt auf Wärmekissen. Für die Produkte entwerfe ich die Formen und Schnittmuster und übergebe sie der Produktion. Meine Kunden, meist im Ausland, betreue ich per Telefon und E-Mail, empfehle Sortimente und bereite gemeinsame Marketingaktionen vor. Jeweils zum Frühjahr und zum Herbst wird die neue Kollektion auf Messen in Europa präsentiert zu denen ich persönlich anreise. Dazu kommen die Führungstätigkeiten wie beispielsweise strategische Analysen, taktische Kontrolle und Personalführung, die dann in klassische Managementaufgaben mündet.

Der Alltag, oder wie sieht Dein normaler Arbeitstag aus?

Der erste Griff am Morgen schaltet die USV ein, der Router fängt an zu blinken und die Internetverbindung wird aufgebaut. Dann greife ich meinen Rucksack, den Bürostuhl und ein Glas frisch gepressten Orangensaft und klettere über die Holzleiter aufs Flachdach. Je nach Sonnenstand rücke ich meinen Schreibtisch in den Schatten der Mangobäume an der linken oder rechten Hausseite. Dann lese ich E-Mails und schaue in den Operationsplan für den Tag.

Die Meetings laufen per Skype. Einer der Teilnehmer übernimmt die Moderation des Meetings, was aufgrund der recht hohen Latenzzeit wichtig ist. Durch die Entfernung benötigt die Stimme lange um hin- und herzureisen, das führt ohne Ordnung häufig dazu, dass man sich ins Wort fällt.

Das Nebeneinandersitzen und gemeinsame Bearbeiten von Dateien simulieren wir durch Desktop-Sharing. Dabei übermittelt ein Teilnehmer den Inhalt seines Bildschirms, man schaut praktisch auf den gleichen Monitor. Das ist für gemeinsame Planungen an Exceltabellen und Brainstormings anhand von Mindmaps essentiell. Zusammen mit der meist hervorragenden Sprachqualität von Skype hat man fast das Gefühl beieinander zu sein.

Nach dem ersten Glas O-Saft sind die Kunden dran. Ich betreue den Großteil der Export-Kunden. Das läuft von Ost nach West ab. Erst sind die Japaner und Australier dran, da sie meist noch arbeiten, wenn ich aufstehe, und mittags die Europäer.

Drei Autominuten entfernt hat Alpha, ein Schneider aus dem Senegal, in einem winzigen Raum fünf Nähmaschinen aufgestellt und fertigt Hochzeitskleidung. Eine seiner uralten Nähmaschinen kommt zufälligerweise aus Berlin. Benötige ich einen Prototypen, stürme ich mit den Schnittmustern in den Laden, tausche die neuesten Champions-League-Ergebnisse aus und Alpha stellt mir einen seiner Jungs ab, der mit erstaunlicher Akribie meine Vorgaben umsetzt. Bis heute habe ich nicht verstanden, woraus ihre Motivation für diesen tollen und prompten Service entspringt. Ich vermute aber, dass sie es selbst spannend finden, die merkwürdigen Designs dieses noch merkwürdigeren Deutschen umzusetzen. Vielleicht ist es aber nur die Freude daran eine völlig absurde Tätigkeit zu verrichten: Wärmekissen nähen bei 42 °C im Schatten.

Diese Prototypen bespreche ich anschließend mit meinen Partnern in Berlin. Das Produkt wird vor der Skype-Kamera gedreht und gewendet und Änderungsschritte definiert, die Alphas Jungs später umsetzen. Ist meine Arbeit abgeschlossen, geht das Schnittmuster an unseren Qualitätsmanager, der die Umsetzung durch die Produktionsstätte in Polen einleitet. Wiederum werden Prototypen erstellt und diesmal in Europa vor die Kamera gehalten. Dass das Dreieck Mali – Polen – Deutschland so gut funktionieren würde, hatten wir vorher nicht gedacht. Ursprünglich war vorgesehen, dass ich für die Produktentwicklung nach Deutschland zurückkomme.

Das Mittagessen koche ich zu Hause, da die malischen Straßenimbisse selbst für einen rustikalen Berliner eine Herausforderung darstellen. Mit dem Teller Nudeln klettere ich wieder aufs Dach und entspanne vor der Tagesschau – ein Stück Heimat!

Der Nachmittag ist meist längeren Arbeitstreffen vorbehalten. Wieder per Desktop-Sharing und Skype. Die Bandbreite reicht momentan leider nicht dafür, auch noch das Video bei Skype anzuschalten, aber vor kurzem wurde UMTS in Bamako eingerichtet und das lässt hoffen.

Das Überallbüro, oder wie unterscheidet sich Dein Arbeitstag zum festen Büro in Deutschland?

Für mich ist die Kommunikation der Hauptpunkt und der wichtigste Unterschied; zu Kunden, zu Lieferanten, zu Partnern und zu Kollegen im Büro. Denn erst wenn ich kommunizieren will, fallen die 5.000 km Distanz ins Gewicht. Vorher ist es egal, ob ich das Schnittmuster in Berlin oder in Bamako erstellt habe. Will ich es aber besprechen und mir ein Feedback einholen, muss ich kommunizieren. Die Technik ist für mich essentiell und so verwende ich wesentlich mehr Zeit und Gedanken an die Infrastruktur als in Berlin. Das nervt und macht die Fokussierung auf die eigentlichen Aufgaben mitunter schwierig.

Durch die räumliche Distanz zu den Partnern bin ich mehr auf mich allein gestellt und durch meine Abwesenheit ging das den Partnern im Berliner Büro genauso. Das führte überraschenderweise schon ab dem ersten Tag dazu, dass alle fokussierter waren, Meetings besser vorbereitet wurden und mehr individuelle Verantwortung übernommen wurde. Vorher hätte man sagen können, dass wir zu häufig über zu viel unwichtiges Zeug sprachen, das man auch allein hätte entscheiden können. Ein deutlicher Pluspunkt!

Zudem bin ich erheblich weniger Störungen ausgesetzt als im lauten Berliner Großraumbüro. Ich kann die Aufgaben nach meinem Rhythmus durchziehen, und auch die größte Hektik kommt nur abgemildert bei mir an. Insgesamt benötige ich weniger Zeit für die gleiche Menge an Ergebnis. Gänzlich unterbrechungsfrei läuft aber auch mein Tag in Mali nicht ab, mitten in einem Gruppen-Meeting schaute einmal ein Tuareg-Krieger auf seinem Kamel über die Mauer und erwartete einen Beitrag zu seinem Reiseproviant.

Inzwischen merke ich gelegentlich, dass ich Lust auf etwas Gesellschaft hätte, um dem Gefühl zu entgehen, ich sei gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten. Noch in Deutschland planten wir eine dauerhafte Video-Übertragung zwischen den beiden Büros einzurichten. Das scheiterte bislang an der technischen Umsetzung.  Wem eine praktische Software für die dauerhafte Bild- und Tonübertragung im Stil einer Überwachungskamera einfällt, bitte melden. Man muss auch die Bildfrequenz bzw. –qualität einstellen können, um sich an die afrikanischen Bandbreiten anzupassen.

Die Tests – die klappten wenigstens – zeigten aber schon mal, dass man durchaus die Anwesenheit anderer Personen darüber simulieren kann. Es erzeugte für mich schon mal ein Wir-Gefühl und ein: „auch andere, nicht-virtuelle Menschen arbeiten an der gleichen Geschichte wie du“.

Das Leben, oder wie ist das Privatleben in Mali?

Der wohl deutlichste Unterschied besteht in den realen Sozialkontakten. Ich verbringe die meiste Zeit im bzw. auf dem Haus und lebe in dieser Zeit an einem völlig anderen Ort, in einer eigenen Zeitzone, mit völlig anderen Menschen. Wenn der Computer aus ist, blicke ich manchmal nach draußen und frage mich: wo bin ich? Es dauert aber nicht lange, bis ich von der einen Realität zu anderen wechseln kann. Dann fällt mir schnell auf, dass ich in Afrika bin und Bamako eine abgedrehte, dreckige, laute, übervolle, afrikanische Stadt ist, die darauf wartet erkundet zu werden. Es ist, also ob ich von der Arbeit direkt in den Urlaub starte. Es gibt keinen Alltag. Wenn ich Deutschland Schwierigkeiten hatte von der Arbeit abzuschalten, dann gelingt mir das in Bamako auf Knopfdruck. Rechner aus, Tür auf und das Leben schwappt herein.

Am liebsten fahre ich am Abend mit meiner Frau an den von Mangobäumen umrahmten Pool des kleinen und ein bisschen schäbigen Hotels Eden-Village, direkt am Niger. Allein der Weg dahin ist so unglaublich anders als in Deutschland. Selbst nach einem Jahr fühlt es sich so neu und fremd an. Das ist ein wahrer Traum!

Wenn ich aber zwei Tage am Stück selbst abends nicht das Haus verlassen habe, fällt mir die Decke auf den Kopf und ich muss dringend reale Freunde treffen. Diese sind noch nicht so zahlreich und wenn keiner Zeit hat, texte ich den Bäcker, Tankwart oder den Äpfelverkäufer mit belanglosem Zeug zu, um ein bisschen unter Leute zu kommen. In Berlin lief das von allein, da war immer einer am Start.

Die Technik, oder welche Hardware und Software setzt Du ein?

2 Windows-Laptops, 1 Windows-Netbook, 1 Apple-Laptop, Dual WAN-Router [Draytek Vigor 2910, sehr solide](zum Anschließen von zwei Internetanschlüssen), 1 Interanschluss mit 386 kbit und 1 mit 256 kbit (tagsüber zu Spitzenzeiten meist nicht voll verfügbar), Extra-Akku für den Hauptlaptop, USV mit Batterielaufzeit bei Stromausfällen bis zu 3 Stunden, 22‘‘-Monitor, kleiner HP-Laserjet mit 2 Tonern auf Reserve, jeweils mehrfache Ausführung von Maus, Headset [Sennheiser PC-31 sehr zu empfehlen, günstig und gut], Tastatur und 1 Million Kabel. Dazu noch 3 Backup-Festplatten, Allwetter-Bambus-Schreibtisch auf dem Dach, USB-Tastatur-Staubsauger gegen Wüstenstaub, USB-Ventilator (für den Prozessor) und extrem wichtig, die Klimaanlage ohne deren Einsatz kein Hirn in der heißen Zeit arbeiten kann.

Es ist ein Ensemble mit Netz und doppeltem Boden, das ich nicht nur rein praktisch, sondern auch für den Seelenfrieden benötige. Wenn ein wichtiges Kundengespräch ansteht, muss alles funktionieren – auf die Minute genau. Das sind Anforderungen, die völlig konträr zum malischen Alltag sind und mir die zwei Welten, in denen ich lebe deutlich vor Augen führen.

Bei Stromausfällen von über 3 Stunden, wenn die USV leer ist, ziehe ich ins Hotel um. Mit Generator im Keller und Internet in der Lobby, das außer mir kaum einer nutzt, ist das eine gute Alternative.  Das kommt etwa 1-2 mal im Monat vor. Die Standortverlagerung führt mitunter sogar zu neuem Schwung und einer Abwechslung. Bonus ist der Hotelpool, der ebenfalls kaum von anderen Gästen genutzt wird.

Dein Rat, oder was empfiehlst Du anderen, die noch nicht im Überallbüro arbeiten?

Zusammen mit meinen Partnern habe ich die Firmenstruktur so umgebaut, dass Platz für persönlichen Freiraum entsteht. Das erschien uns zuerst völlig utopisch und sogar gefährlich für das Business. Aber rückblickend waren die Hürden nicht so hoch wie eingangs erwartet. Gerade in Kreativberufen ist mentale Freiheit und Ausgeglichenheit sehr wichtig für gute Resultate und das ist Grund genug ein Risiko einzugehen.

Ich denke, dass der schwierigste Schritt der ist, sich das Arbeiten außerhalb eines klassischen Büros vorzustellen. Worauf kommt es wirklich an bei meiner Tätigkeit? Wann produziere ich Resultate und wann verbringe ich nur Arbeitszeit? Hat man diese Frage für sich und seinen Beruf geklärt, entdeckt man vielleicht Freiräume an Stellen, die man vorher nicht sah.

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Ein Kommentar »

  • Frauke kommentierte:

    Spannend – vielen, vielen Dank für dieses Interview! Da ich die Produkte der Firma Leschi kenne, habe ich’s mit noch mehr Interesse gelesen. „Der Leschi“ ist in meinem Haushalt ein oft und gern genutzter Helfer beim verspannten Nacken. Gibt nur ein Problem damit … unser Kater möchte soooo gerne damit spielen, und das heißt – reinbeißen … was das Ende vom „Leschi“ wäre ;-))