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Ist Produktivität Zeitverschwendung, oder der erste Schritt zur Besserung

22 März 2010 3 Kommentare

Most of the time, trying to be productive is pointless“ — zu deutsch, „Produktiv sein zu wollen, ist meistens sinnlos„. Dies behauptet Jonathan Mead im englischen Blog Illuminated Mind im Artikel „Why Trying to be Productive is a Huge Waste of Time„. Mead führt seine Feststellung auf die falsche Wahrnehmung, den falschen Stellenwert von Produktivität in unserer Gesellschaft zurück. Doch im Artikel „Prokrastination — ‚Morgen fang ich sicher an‘“ in der Online-Ausgabe der Zeitung „Die Zeit“ werden Psychologen mit der Aussage zitiert, dass man versuchen muss produktiv zu sein, um nicht Gefahr zu laufen, der „Aufschieberitis“ zu verfallen.

Auf diese widersprüchlichen Ansichten stieß ich in einem Kommentar zum Artikel „Fokussier dich! – Der Mythos und die Plage der Ablenkung“  im Apple Mac Blog Apfelquak. Warum diese Positionen auf den zweiten Blick gar nicht so widersprüchlich sind und warum produktiveres Arbeiten uns mehr Zeit für erfüllende Lebensinhalte gibt, zeige ich in diesem Artikel.

Die Bedeutung von Produktivität ist es, mehr Dinge in der gleichen Zeit zu tun.„, schreibt Mead, mit der Konsequenz, dass man aus den Augen verliere, was wirklich wichtig im Leben sei. „Ziele und Produktivität sind stark mit messbaren Ergebnissen verknüpft.“ Solche Ziele würden leicht dazu verleiten, dass man bemüht sei, eben messbare Ergebnisse zu erreichen und dabei seine ursprüngliche Leidenschaft für die betreffende Tätigkeit verliere. Die wichtigen Dinge im Leben, wie das Verbringen von Zeit mit seinen Liebsten oder neue Lösungen für Probleme zu suchen, ließen sich weder quantifizieren noch planen.

Meads Antwort auf die widersprüchliche Bedeutung von Produktivität ist es, „dass man seinem Herzen folgt„. Es gehe nicht um die Ziele, die man erreicht, sondern um den Weg dort hin; das Leben im Jetzt, nicht das Leben, das man in Zukunft erreichen wolle.

Im Artikel der „Zeit online“ wird die Frage gestellt, warum Menschen dazu neigen, Arbeit aufzuschieben und wie man sich von dieser Neigung befreien kann. „Menschen sind ökonomische Wesen und versuchen ihre Energie, sparsam einzusetzen„, wird Prof. Funke vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg zitiert. Aufschieben sei ein Selbstschutz. „Was man braucht, sind klare Arbeitsstrukturen und pragmatische Rituale. Auch wer meint, dass Arbeit immer Spaß machen muss, behindert sich selbst.„, so Rainer Holm-Hadulla, Leiter der Psychotherapeutischen Beratungsstelle der Universität Heidelberg. „Wichtig ist aber auch das Ausschalten von Störfaktoren. Telefon ausschalten, Fernbedienung weglegen und E-Mail-Programm schließen — anders geht es nicht.„, meint dazu Diplom-Psychologe Hans-Werner Rückert.

Ist Produktivität nun Zeitverschwendung?

Soll man nun darauf hoffen, dass man automatisch produktiv wird, wenn man seinem Herzen folgt und die Dinge tut, die einem wichtig sind, oder versuchen, seine Produktivität durch Produktivsysteme und passende Werkzeuge zu steigern?

Meine Antwort auf diese Frage ist, dass man produktiver sein sollte, um Zeit für die Dinge freizumachen, die uns glücklich machen. In der Tat besteht das Leben in unserer Gesellschaft nicht nur aus Spaß und Freude. Sich mit der GEZ über Gebühren zu streiten, Rentenversicherungen abzuschließen oder Altglas wegzubringen, sind nur einige Beispiele für Arbeiten, die keinen Spaß machen, aber getan werden müssen. Deswegen ist es auch so wichtig, den Sinn und Zweck einer Aufgabe klar festzuhalten, damit man weiß, warum man die Aufgabe lösen möchte und sie kein unmotivierender Selbstzweck bleibt.

Manche Aufgaben liegen uns nicht am Herzen, aber müssen trotzdem erledigt werden. Jedoch können wir beeinflussen, wie wir mit ihnen umgehen: Effizient und effektiv, indem wir sie angehen und erledigen, oder durch Aufschieben und Hoffen, dass sie sich von selbst erledigen.

Mein Ziel ist es, Zeit sinnvoll zu nutzen. In meinem Verständnis von Arbeitsproduktivität geht es nicht darum, immer mehr, immer schneller zu machen. Es geht darum, die vorhandene Zeit sinnvoll einzusetzen. Deswegen versuche ich, meinen Tag vernünftig zu planen, meine Arbeit effektiv und konzentriert zu erledigen, um eben freie Zeit für Gedanken, Freunde und spaßige Dinge zu haben. Ich habe irgendwann während meines Studiums erkannt, dass die unangenehmen Aufgaben des Lebens nicht von alleine verschwinden. Jedoch kann ich durch ein aktives Herangehen dafür sorgen, dass sie mich nicht übermäßig belasten. Indem ich sie zeitnah erledige, liegen sie nicht ewig in meinem Kopf und erzeugen unnötigen Stress.

Wie erreicht man seine Ziele?

Bleibt aber die Frage, wie man das Aufschieben beendet und seine Arbeit erledigen kann. Die beste Antwort darauf, bekam ich von einem guten Freund, als ich mit meiner Promotion fest steckte: „Fang an, mach den ersten Schritt.“ Dieser simple Satz ist schwerer umgesetzt als ausgesprochen, jedoch die Essenz aus allen Produktivsystemen, Büchern und Vorträgen, die es zu diesem Thema gibt. „Die Pyramiden sind auch nicht an einem Tag erbaut worden“, aber die Arbeiter des Pharaos haben an einem Tag den ersten Stein gesetzt, den ersten Schritt gemacht.

Falls Du nicht weiter kommst, eine unangenehme Aufgabe vor Dir herschiebst, dann nimm Dir ein leeres Blatt Papier und schreibe sie auf. Überleg, was als aller erstes getan werden muss, damit sie irgendwann erledigt werden kann und dann tu es! Wenn dieser erste Schritt erledigt ist, schreib den nächsten Schritt auf und arbeite an ihm. Schieb es nicht mehr auf, sondern tu es jetzt, mach den ersten Schritt. Wie beim Sport, ist das Hinfahren, Umziehen und Aufwärmen das schlimmste. Hat man aber erst mal begonnen, geht es fast wie von selbst.

Du hast es in der Hand, also fang an!

Was sind Deine Erfahrungen zum Thema Produktivität? Fühlst Du Dich gezwungen immer produktiver zu sein und vermisst Du die guten Dinge im Leben? Oder hast Du den Weg gefunden, Arbeit und Freude in Deinem Leben zu vereinbaren?

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3 Kommentare »

  • Michael Gerharz kommentierte:

    Ich erlebe immer wieder, dass sich meine Mitmenschen vor dem ersten Schritt scheuen, weil sie jeden einzelnen Schritt, also auch den ersten, in die richtige Richtung machen wollen. Auf der Suche nach dem perfekten ersten Schritt geht dabei viel Zeit ins Land; und die Sorge, im nachhinein vielleicht doch in eine falsche Richtung gegangen zu sein, wird so groß, dass sie am Ende lieber stehen bleiben, als überhaupt los zu gehen und beliebig viele Entschuldigungen dafür finden, sich immer weiter umzuschauen.

  • Zettt kommentierte:

    Schoener Artikel. Habe ich jetzt endlich mal gelesen. Dankeschoen.

  • Felix kommentierte:

    Der Artikel gefällt mir auch sehr gut. Den Kommentar von Michael halte ich dazu für eine sehr wichtige Ergänzung. Es ist entscheidend, dass man *einen* Schritt macht, nicht dass man einen richtigen Schritt macht. Ein Vorbild von mir hat mir mal gesagt: „Der richtige Weg führt über allerlei Umwege.“ Das ist oberflächlich nicht im Sinne der Effizienz, in der Praxis allerdings meist schon, da es hilft Sachen überhaupt anzugehen.