Home » Arbeiten, Featured

Konzentration, oder nicht ablenken lassen

25 Januar 2010 6 Kommentare

Ich habe viel Spaß beim Sportklettern. Nach einem langen Arbeitstag hilft es mir abzuschalten und mich zu entspannen. Dies gilt im wahrsten Sinne des Wortes: Als Knowledge-Worker sitze ich den ganzen Tag sehr viel, wodurch meine Muskeln verspannen. Die ganzheitliche Bewegung beim Klettern lockert sie wieder auf.

Der Erfolg beim Klettern hängt von zwei primären Faktoren ab, 1. der Klettertechnik und 2. dem eigenen Willen. Natürlich braucht man auch Kraft und Beweglichkeit, jedoch erst die richtige Klettertechnik erlaubt es, diese richtig einzusetzen. Hängt man an einer schwierigen Stelle in der Wand, ist es oft die Willenskraft, die über den Erfolg des nächstens Zugs entscheidet. Es ist überraschend, aber oft geht mehr als man für möglich hält.

Bei der täglichen Arbeit sind es wieder die beiden Faktoren Technik und Willen, die über den Erfolg des Arbeitstages entscheiden. Wir Menschen neigen dazu, uns leicht ablenken zu lassen*. In diesem Artikel möchte ich meine Art beschreiben, wie ich meine Aufmerksamkeit auf die Arbeit konzentriere und Ablenkungen widerstehe. Es ist wie beim Klettern: Mit der richtigen Technik und Willen, geht mehr als man denkt.

Aufmerksamkeit

Professor Dr. Werner Stangl definiet Aufmerksamkeitals die primäre Ressource der Informationsgesellschaft, denn sie ist ein Auswahlverfahren. Es wird ausgewählt, was man wahrnimmt, was also ins Bewußtsein kommt, und was nicht.“ Im Artikel In Defense of Distraction (engl.) stellt Sam Anderson fest, dass wir eigentlich immer aufmerksam sind, jedoch schweift unsere Aufmerksamkeit leicht von einer Sache zur nächsten ab. Durch das Lenken unserer Aufmerksamkeit entscheiden wir, was wir mit unserer Arbeitszeit machen möchten. Nur wenn wir sie auf unsere Aufgaben lenken, erreichen wir unsere Ziele.

Aufmerksamkeitsverlust

In meinem täglichen Leben stelle ich zwei Quellen für den Verlust meiner Aufmerksamkeit fest. Die externe Ablenkung wird durch äußere Reize ausgelöst: E-Mails, Telefonanrufe, Nachrichten-Webseiten, Gegenstände auf meinem Tisch, oder Geräusche auf der Straße. Die interne Ablenkung geschieht in meinem Kopf. Wann immer ich beginne mich zu langweilen, schießen mir Ideen in den Kopf. Wann immer ein Problem zu schwierig wird, zieht es mich zu leichteren Aufgaben oder wieder einmal zu meinen beliebtesten Web-Seiten.

Aufmerksamkeitserhalt

Man muss sich klar machen, dass wir nicht alle Quellen der Ablenkung beeinflussen können. Das menschliche Gehirn mag Ablenkung. Es ist darauf programmiert, ständige neue Reize wahrzunehmen und zu verarbeiten. Es ist nicht unsere Natur, abgeschottet von den Ereignissen um uns herum, nur an einer Aufgabe zu arbeiten. Aber es liegt sehr wohl in unserer Macht, unsere Programmierung zu hacken und zumindest für eine gewisse Zeit konzentriert den Reizen der Umwelt zu widerstehen.

Drei Schritte zur Aufmerksamkeit

Der erste Schritt ist es, die externen Ablenkungsquellen zu minimieren. Ich schalte dafür alle Internet-Dienste und mein Telefon aus. Es ist nicht der Fehler der modernen Technologien, sondern unser mangelnder Wille, wenn wir uns von ihr ablenken lassen. Meinen Schreibtisch räume ich oft vor einer neuen Aufgabe auf, um auch hier die Ablenkungsquellen zu minimieren. Das Ziel dieser Dämpfung der äußeren Welt ist es, einen ruhigen Wesenszustand zu erreichen, in dem alles auf die geplante Aufgabe fokusiert ist. Dennoch gelingt es mir nicht immer, diesen Zustand zu erreichen. In diesem Fall wechsele ich meinem Arbeitsplatz: Das Überallbüro kann ich zum Glück an jeden Ort mitnehmen; mal arbeite ich in meinem Büro, dann wieder an meinem Schreibtisch zu hause oder in der Universitätsbibliothek. Ich arbeite dort, wo ich mich am Besten konzentrieren kann.

Der zweite Schritt befasst sich mit den internen Ablenkungen. Wenn ich ein Buch lese oder nachdenke, kommen mir Gedanken zu ganz anderen Problemen. Plötzlich fällt mir der Bandname ein, auf den ich gestern nicht kommen konnte. Dies ist keine Aufmerksamkeitsstötung, sondern die Art und Weise, wie unser Gehirn arbeitet**. Während wir konzentriert an einer Aufgabe arbeiten, beschäftigt sich das Gehirn im Hintergrund noch mit anderen Dingen. Entscheidend ist es, wie man mit diesen Ablenkungen umgeht. Es ist ein Fehler, jedem Gedanken nachzujagen und seine Arbeit zu unterbrechen. Ich habe stets ein kleines Notizuch oder einen Stapel Post-Its bei mir , mit denen ich diese Geistesblitze festhalte: Schnell aufschreiben und nicht ablenken lassen. Später komme ich auf sie zurück.

Der dritte Schritt ist die Überwindung von Hindernissen bzw. Langeweile. Versuche ich einen schwierigen Algorithmus zu verstehen, schweit mein Gehirn gerne ab. Es hat keine Lust auf anstrengende Aufgaben und denkt lieber über etwas anderes nach. Wann immer mir dies auffällt, stelle ich mir die Frage: „Muss ich jetzt darüber nachdenken, kann ich das später machen?“ Wie beim Klettern, ist es eine Frage des Willens über sich hinauszuwachsen und seine Gedanken in die richtige Richtung zu lenken. Dies ist der schwierigste Schritt, aber sich bewusst machen, dass man sich gerade ablenkt, ist der richtige Weg. Anhalten, Durchatmen, allen Gedanken im Kopf kurz folgen und sich dann wieder gezielt seiner Aufgabe zuwenden. So versuche ich meinen Willen durchzusetzen.

Es ist aber auch wichtig zu verstehen, dass aufmerksames Arbeiten anstrengend ist und Kraft kostet. Wir können das nicht den ganzen Tag durchhalten. Aus diesem Grund ist es wichtig, seine produktivste Arbeitszeit des Tages, konsequent für die wichtigste Aufgabe des Tages zu nutzen. Dies plane ich regelmäßig am Abend für den nächsten Tag.

Aufmerksamkeitskarte

In der Aufmerksamkeitskarte habe ich die wesentlichen Punkte zusammengefasst. Ihr könnt sie ausdrucken und auf Euren Tisch stellen. Schaut sie immer an, wenn ihr merkt, dass Eure Aufmerksamkeit ungewollt verloren geht und findet den Weg zurück zu konzentriertem Arbeiten.

Es ist die Technik und die mentale Willenskraft, die ausschlaggebend sind. Sie entscheiden darüber, ob wir unsere Aufgaben bewältigen oder von einer Sache zur nächsten schweifen. Es ist nicht leicht, die angesprochenen Ansätze umzusetzen. Ich probiere es dennoch jeden Tag und versuche wie beim Klettern über mich herauszuwachsen. Das könnt Ihr auch!

Und Du? Ist konzentriertes Arbeiten für Dich ein Problem oder hast Du schon längst Deinen eigenen Weg zu mehr Aufmerksamkeit gefunden? Lass die anderen Leser teilhaben und schreib einen Kommentar!

Verwandte Artikel:

  1. Ideen sind überall, oder auf Hemingways Spuren
  2. Fokus, oder immer dran bleiben

* Man kann dies in einem kurzen Experiment ausprobieren: Nehmt ein leeres DIN-A4 Blatt Papier und malt mit meinem Stift einen Punkt darauf. Seht auf die Uhr und merkt Euch die Zeit. Nun konzentriert Euch auf nur auf den gemalten Punkt. Wie lange haltet Ihr es durch, ohne mit Euren Gedanken abzuschweifen oder sogar weg zu blicken?

** Buchempfehlung:

Pragmatic Thinking and Learning: Refactor Your Wetware (engl.) von Andy Hunt ist ein spannendes und unterhaltsames Buch über unser Gehirn und wie wir sein Potential besser ausnutzen können. Hunt erläutert welche Auswirkungen unser Gehirn, unsere Erziehung und unsere Gene auf verschiedene Themengebiete, wie Konzentration, Lernen und den Umgang mit Menschen haben. Er verwendet neuste Erkenntnisse aus Soziologie, Psychologie und Neurologie und vermittelt sie als Programmierer sehr anschaulich und mit viel Freude.

Diesen Artikel drucken
Diesen Artikel in Evernote speichern

6 Kommentare »

  • Alex kommentierte:

    Nun, in dem Zusammenhang ist sicherlich „The Pomodoro Technique“[1] ein hilfreiches Instrument. Im Grunde ist diese Technik sehr einfach: man stellt eine Eieruhr auf 25 Minuten ein, nimmt sich eine Aufgabe vor und arbeitet in dieser Zeit ausschließlich an dieser Aufgabe. Ablenkende Gedanken werden kurz aufgeschrieben und schon geht es weiter. Das dazugehörige Buch[2] ist sehr zu empfehlen und kann auch als „hard copy“ bezogen werden:

    [1] http://www.pomodorotechnique.com/
    [2] http://www.pomodorotechnique.com/resources/cirillo/ThePomodoroTechnique_v1-3.pdf

  • Chris kommentierte:

    Die Pomodoro Technique benutze ich auch. Die tickende Eieruhr habe ich durch eine elektrische ersetzt (bzw. am Mac das hier http://pomodoro.ugolandini.com/ ), aber die schriftlichen Todo Listen und vor allem die sehr einfache Technik, wie mit internen und externen Unterbrechungen umzugehen ist ist einfach und genial. Darüber hat man auch gleich einen Benchmark, ob sich die eigene Konzentrationsfähigkeit verbessert hat.

    Das schöne an der Technik sind die vielen Erfolgserlebnisse, und das sie es gestattet auch die kleinen Dinge in den Arbeitstag mit gutem Gewissen unterzubringen (emails, lesen) webseite checken.

  • Flo kommentierte:

    Das größte Problem bei mir ist es die Motivation zu finden um überhaupt erst anzufangen. Wie oft habe ich mich schon dabei ertappt, dass mir der Satz „Ach eine Folge Simpsons kannst du dir jetzt bevor du wirklich anfängst auch noch ansehen.“ durch den Kopf gegangen ist. Wenn ich diesem Impuls nachgebe, dann ist der Tag meistens eh schon gelaufen und ich habe dutzende andere Aktivitäten gefunden, die attraktiver sind.
    Also ich denke, dass die Willenskraft (wie du auch schon geschrieben hast) eine der wichtigsten Komponenten in diesem Zusammenhang spielt. Oder aber man findet einen Weg sich selbst die Aufgabe so interessant und spannend zu gestalten, dass man sie sowieso unbedingt machen möchte… wie das gehen soll weiß ich leider nicht 😉

  • Lukas Pustina kommentierte:

    Hallo Flo,
    ich kann Dir nur einen Tipp geben: Fang an! Jetzt, nicht später! Vielleicht hilft Dir meine Aufmerksamkeitskarte von den Simpson loszukommen bzw. nicht wieder zu ihnen zurückzufallen.
    Natürlich kannst Du versuchen die Spannung Deiner Aufgaben zu erhöhen, aber es gibt leider immer Aufgaben, die einfach keinen Spaß machen. Hier ist mein Tipp, kleine Schritte zu machen. Solange die Aufgaben groß, schwammig und unspaßig sind, wirst Du immer irgendwas anderes zu tun finden. Überleg Dir, was wäre die kleinste Änderung des Ist-Zustandes in Richtung Soll-Zustand. Diese Änderung machst Du jetzt, sofort in einem kleinen Schritt. Und danach überlegst Du Dir die nächste kleine Änderung. So wird die Aufgabe Schritt für Schritt irgendwann erledigt und Du musst kein schlechtes Gewissen haben, dass sich nichts bewegt hätte.

  • Malte kommentierte:

    Da habe ich doch direkt mal wieder Lust klettern zu gehen… Vielleicht finde ich dazu ja mal wieder Zeit wenn ich mein zweites David Allen Buch durch habe.

    Konzentration ist zumindest eines meiner zentralen Probleme. In dem zusammenhang hilft mir der Artikel ein wenig.

  • Malte kommentierte:

    PS: Willkommen zurück aus dem Urlaub.